Zinseszinseffekt erklärt: Wann Sparzinsen selbst Zinsen bringen
Zinseszins bedeutet, dass Zinsen, die auf Ihrem Konto bleiben, in der nächsten Periode selbst mitverzinst werden. Das klingt unspektakulär, und bei Sparzinsen ist es das über lange Strecken auch: Mit 3 Prozent wächst ein Guthaben im ersten Jahrzehnt kaum schneller als mit einfachen Zinsen. Erst über zwei, drei Jahrzehnte wird der Effekt so groß, dass er die Rechnung spürbar verändert.
Für Sparer ist deshalb weniger die Formel interessant als die Frage, unter welchen Bedingungen der Zinseszins überhaupt entsteht. Bleiben die Zinsen auf dem Konto oder wandern sie aufs Girokonto? Schreibt die Bank sie jährlich gut oder erst am Ende einer mehrjährigen Laufzeit? Und was nimmt die Steuer davon weg? An diesen Stellen entscheidet sich mehr Geld als bei der Frage, ob die Zinsen monatlich oder vierteljährlich kommen – eine Frage, der viele Ratgeber erstaunlich viel Raum geben.
Was der Zinseszins genau ist
Legen Sie 10.000 Euro zu 3 Prozent an, bringt das erste Jahr 300 Euro Zinsen. Schreibt die Bank diese Zinsen Ihrem Konto gut und lassen Sie sie stehen, rechnet sie im zweiten Jahr mit 10.300 Euro. Die Zinsen steigen auf 309 Euro, im dritten Jahr auf 318,27 Euro. Die zusätzlichen 9 Euro im zweiten Jahr sind der Zinseszins: Zinsen auf bereits gutgeschriebene Zinsen.
Das Gegenstück ist die einfache Verzinsung. Lassen Sie sich die 300 Euro jedes Jahr aufs Girokonto überweisen, bleibt die Berechnungsgrundlage bei 10.000 Euro, und Sie erhalten jedes Jahr denselben Betrag. Einen Zinseszins gibt es dann nur, wenn Sie die ausgezahlten Zinsen selbst wieder anlegen. Der Zinseszins hängt also an einer schlichten Bedingung: Die Zinsen müssen im Spiel bleiben.
Dass Banken Ihnen überhaupt Zinseszins zahlen dürfen, ist im deutschen Recht eine Ausnahme. Nach § 248 BGB ist eine im Voraus getroffene Vereinbarung, wonach fällige Zinsen wieder Zinsen tragen, grundsätzlich nichtig – eine Regel, die vor allem Schuldner schützen soll. Für Einlagen bei Banken und Sparkassen macht das Gesetz jedoch eine ausdrückliche Ausnahme: Zinsen, die Sie nicht abheben, dürfen als neue verzinsliche Einlage gelten. Auf dieser Vorschrift beruht der Zinseszins auf Tagesgeld- und Festgeldkonten.
Die Formel – und was sie verschweigt
Rechnerisch passt der Zinseszins in eine Zeile. Das Endkapital nach n Jahren ergibt sich aus dem Anfangskapital, multipliziert mit dem Zinsfaktor hoch der Zahl der Jahre:
K_n = K_0 × (1 + i)^n
K₀ steht für das Anfangskapital, i für den Jahreszins als Dezimalzahl (3 Prozent = 0,03) und n für die Zahl der Jahre. Für die 10.000 Euro aus dem Beispiel ergibt das nach zehn Jahren 10.000 × 1,03¹⁰ = 13.439,16 Euro. Schreibt die Bank die Zinsen mehrmals im Jahr gut, teilt man den Jahreszins durch die Zahl der Gutschriften m und erhöht entsprechend die Zahl der Perioden: K_n = K_0 × (1 + i/m)^(m × n). In Lehrbüchern heißt das unterjährige Verzinsung.
Aufschlussreicher als die Formel sind ihre Annahmen, denn jeder Zinseszinsrechner arbeitet mit denselben: Der Zins bleibt über die gesamte Zeit gleich, Sie heben nichts ab, und Steuern fallen nicht an oder werden pauschal abgezogen. Beim Festgeld mit fester Laufzeit kommen die ersten beiden Annahmen der Wirklichkeit recht nahe, beim Tagesgeld über zehn oder zwanzig Jahre praktisch nie. Ein Rechenergebnis ist deshalb immer nur so belastbar wie der Zins, den Sie eingeben.
Wie viel der Zinseszins bei Sparzinsen bringt
Die folgende Tabelle zeigt, welcher Teil der Zinsen bei einem Beispielzins von 3 Prozent auf den Zinseszins entfällt. Angenommen sind 10.000 Euro, eine jährliche Zinsgutschrift und keine Steuern.
| Anlagedauer | Zinsen ohne Zinseszins | Zinsen mit Zinseszins | davon Zinseszins | Anteil an allen Zinsen |
|---|---|---|---|---|
| 5 Jahre | 1.500,00 € | 1.592,74 € | 92,74 € | 5,8 % |
| 10 Jahre | 3.000,00 € | 3.439,16 € | 439,16 € | 12,8 % |
| 20 Jahre | 6.000,00 € | 8.061,11 € | 2.061,11 € | 25,6 % |
| 30 Jahre | 9.000,00 € | 14.272,62 € | 5.272,62 € | 36,9 % |
Beispielrechnung: 10.000 € Anlagebetrag, 3 % Zinsen p. a., jährliche Gutschrift, vor Steuern.
Nach fünf Jahren macht der Zinseszins gerade einmal 93 Euro aus, nach zehn Jahren knapp 440 Euro – etwa das Anderthalbfache eines einzelnen Jahreszinses. Erst nach zwei Jahrzehnten wird daraus ein Betrag, den man nicht mehr übersieht, und nach 30 Jahren stammt mehr als ein Drittel aller Zinsen aus Zinsen auf Zinsen. Der Effekt beschleunigt sich mit jedem Jahr, weil die Basis, auf die er wirkt, selbst immer größer wird.
Die oft gestellte Frage, ab wann sich der Zinseszins lohnt, hat deshalb eine zweiteilige Antwort. Er wirkt ab der ersten Zinsgutschrift und kostet Sie nichts, Sie müssen die Zinsen nur stehen lassen. Einen nennenswerten Unterschied zu einfachen Zinsen macht er bei Sparzinsen aber erst nach etwa zehn Jahren.
Mindestens so stark wie die Dauer wirkt die Zinshöhe. Über 20 Jahre wachsen 10.000 Euro bei 2 Prozent auf 14.859 Euro, bei 3 Prozent auf 18.061 Euro und bei 4 Prozent auf 21.911 Euro. Jeder zusätzliche Prozentpunkt bringt hier mehr als 3.000 Euro, und weil der höhere Zins auch auf die höheren Zinsen wirkt, wächst der Abstand mit jedem weiteren Jahr.
Monatlich, vierteljährlich oder jährlich: Wie wichtig ist die Zinsgutschrift?
Banken berechnen Sparzinsen in der Regel taggenau, schreiben sie aber erst am Ende eines festen Zeitraums gut – je nach Anbieter monatlich, vierteljährlich oder einmal im Jahr. Erst mit der Gutschrift werden die Zinsen Teil des Guthabens und damit selbst verzinst. Häufigere Gutschriften bringen also rechnerisch etwas mehr. Interessant ist nur, wie viel.
| Zinsgutschrift | Endkapital nach 10 Jahren | effektiver Jahreszins |
|---|---|---|
| jährlich, 3,00 % | 13.439,16 € | 3,00 % |
| vierteljährlich, 3,00 % | 13.483,49 € | 3,03 % |
| monatlich, 3,00 % | 13.493,54 € | 3,04 % |
| jährlich, 3,10 % | 13.570,21 € | 3,10 % |
Beispielrechnung: 10.000 € Anlagebetrag, gleichbleibender Zins, vor Steuern.
Über zehn Jahre bringt die monatliche Gutschrift gegenüber der jährlichen 54 Euro mehr, gegenüber der vierteljährlichen gerade 10 Euro. Ein Angebot, das 3,10 statt 3,00 Prozent zahlt und die Zinsen nur einmal im Jahr gutschreibt, liegt dagegen 77 Euro vor der monatlichen Variante.
Für die Wahl eines Kontos heißt das: Die monatliche Zinsgutschrift ist angenehm, aber kein Grund, sich für ein Angebot zu entscheiden. Ein Zehntelprozentpunkt mehr Zins wiegt schwerer als jedes Gutschrift-Intervall, und wer seinen Zins über die Jahre auf gutem Niveau hält, gewinnt ein Vielfaches dessen, was die Häufigkeit der Gutschrift ausmacht. Nützlich ist das Intervall vor allem beim Lesen von Konditionen: Bei monatlicher Gutschrift entspricht ein Nominalzins von 3,00 Prozent einer effektiven Verzinsung von rund 3,04 Prozent.
Tagesgeld: Zinseszins mit beweglichem Zins
Beim Tagesgeld schreibt die Bank die Zinsen normalerweise dem Tagesgeldkonto selbst gut. Der Zinseszins entsteht dort automatisch, solange Sie die Zinsen nicht abheben – einen besonderen Tarif oder eine eigene Option brauchen Sie dafür nicht.
Die Schwachstelle liegt beim Zins. Tagesgeldzinsen sind variabel, und viele hohe Angebote gelten nur einige Monate lang als Aktionszins für Neukunden. Wer einen solchen Aktionszins in einen Zinseszinsrechner einträgt und zehn Jahre laufen lässt, rechnet sich die Zukunft schön. Ein Beispiel: 10.000 Euro, sechs Monate lang mit 3,5 Prozent und danach mit 1,5 Prozent verzinst, wachsen bei monatlicher Gutschrift in zehn Jahren auf 11.734 Euro. Mit dauerhaft 3,5 Prozent wären es 14.183 Euro – fast 2.500 Euro mehr, die es so nie geben wird.
Auch abseits von Aktionen schwankt das Zinsniveau über lange Zeiträume erheblich. Der Einlagensatz der Europäischen Zentralbank, an dem sich Tagesgeldzinsen grob orientieren, war von Juni 2014 bis Juli 2022 negativ; seit September 2026 liegt er bei 2,50 Prozent. Eine Zinseszins-Rechnung über 20 Jahre mit festem Tagesgeldzins beschreibt deshalb eine Annahme, keinen Plan. Für lange Zeiträume setzen wir lieber einen vorsichtigen Durchschnittszins an und lesen das Ergebnis als Größenordnung.
Wer den Zinseszins beim Tagesgeld für sich arbeiten lassen will, gewinnt am meisten, wenn er verhindert, dass der Zins absackt – etwa indem er nach Ablauf eines Aktionszinses prüft, was das Geld anderswo bringt.
Festgeld: Hier kann der Zinseszins verloren gehen
Beim Festgeld ist der Zinseszins keine Selbstverständlichkeit, denn die Bank legt in den Konditionen fest, wann und wohin sie die Zinsen zahlt. Bei einer Laufzeit von bis zu einem Jahr spielt das keine Rolle: Die Zinsen kommen am Ende, und innerhalb der Laufzeit gibt es nichts, was mitverzinst werden könnte. Bei mehrjährigen Festgeldern begegnen Ihnen dagegen drei Varianten.
Jährliche Auszahlung. Die Bank überweist die Zinsen jedes Jahr auf Ihr Referenzkonto. Das Festgeld selbst wächst nicht; einen Zinseszins gibt es nur, wenn Sie die Zinsen anderswo wieder anlegen. Dafür können Sie jedes Jahr über die Zinsen verfügen, und Nominalzins und Rendite sind identisch.
Jährliche Gutschrift mit Mitverzinsung. Die Bank schlägt die Zinsen einmal im Jahr dem Festgeld zu und verzinst sie im Folgejahr mit. Das ist klassischer Zinseszins, und um die Wiederanlage müssen Sie sich nicht kümmern.
Zinszahlung am Laufzeitende ohne Zinseszins. Die Bank sammelt die Zinsen über die gesamte Laufzeit an, berechnet sie aber jedes Jahr nur auf den ursprünglichen Anlagebetrag und zahlt alles zusammen bei Fälligkeit aus.
Die dritte Variante ist keine Randerscheinung. Die Stiftung Warentest fand bei einer Stichprobe im September 2023 unter 52 fünfjährigen Festgeldern auf dem Zinsportal Weltsparen, dem heutigen Raisin, 35 Angebote dieser Art. Auch heute zahlt Raisin nach Angaben von Finanztip bei den meisten mehrjährigen Festgeldern sämtliche Zinsen erst am Ende der Laufzeit. Ob die angesammelten Zinsen dabei mitverzinst werden, zeigen erst die Details des einzelnen Angebots.
Was der Unterschied kostet, zeigt ein Beispiel mit 20.000 Euro, fünf Jahren Laufzeit und einem Beispielzins von 3 Prozent. Mit jährlicher Gutschrift und Mitverzinsung kommen 3.185,48 Euro Zinsen zusammen. Ohne Zinseszins sind es 3.000 Euro, was einer jährlichen Rendite von nur 2,83 Prozent entspricht. Der fehlende Zinseszins kostet also 185 Euro – ärgerlich, aber verkraftbar.
Teuer wird es durch die Steuer. Bei jährlicher Gutschrift versteuern Sie die Zinsen in der Regel auch jährlich, und zwar in Jahresbeträgen zwischen 600 und 675 Euro. Haben Sie keine weiteren Kapitalerträge, bleibt jeder dieser Beträge unter dem Sparer-Pauschbetrag von 1.000 Euro und damit steuerfrei. Beim endfälligen Angebot fallen dagegen alle 3.000 Euro im Jahr der Fälligkeit an. 2.000 Euro davon liegen über dem Pauschbetrag, darauf werden 527,50 Euro Abgeltungsteuer und Solidaritätszuschlag fällig. Netto bleiben 2.472,50 Euro statt 3.185,48 Euro – ein Unterschied von 713 Euro, von dem nur gut ein Viertel auf den fehlenden Zinseszins zurückgeht.
Erkennen lässt sich die Variante an zwei Angaben in den Konditionen. Steht bei der Zinsgutschrift »am Ende der Laufzeit«, lohnt der Vergleich von Nominalzins und effektivem Zins beziehungsweise Rendite: Liegt der effektive Wert darunter, fehlt der Zinseszins. Formulierungen wie »Zinsen werden jährlich gutgeschrieben und mitverzinst« kennzeichnen dagegen die günstige Variante.
Für mehrjährige Festgelder halten wir eine jährliche Gutschrift mit Mitverzinsung oder eine jährliche Auszahlung für die bessere Wahl. Ein endfälliges Angebot ohne Zinseszins müsste im Beispiel schon vor Steuern rund 3,19 statt 3,00 Prozent bieten, um gleichzuziehen. Und selbst dann bleibt der steuerliche Nachteil, sobald die gesammelten Zinsen eines einzigen Jahres Ihren Pauschbetrag übersteigen.
Steuern bremsen das Wachstum
Zinsen sind Einkünfte aus Kapitalvermögen. Bis zum Sparer-Pauschbetrag von 1.000 Euro im Jahr, bei zusammen veranlagten Ehepaaren 2.000 Euro, bleiben sie steuerfrei. Darüber fallen 25 Prozent Abgeltungsteuer plus Solidaritätszuschlag an, zusammen 26,375 Prozent, gegebenenfalls zuzüglich Kirchensteuer.
Für den Zinseszins bedeutet das: Solange Ihre Kapitalerträge unter dem Pauschbetrag bleiben und Ihre Bank einen passenden Freistellungsauftrag hat, wächst das Guthaben mit dem vollen Zins. Liegen Sie darüber, behält eine deutsche Bank die Steuer bei jeder Gutschrift ein, und nur der Rest wird weiterverzinst. Oberhalb des Pauschbetrags verzinst sich Ihr Geld bei 3 Prozent Zins netto nur noch mit rund 2,21 Prozent. Über lange Zeiträume wirkt dieser Abschlag genauso exponentiell wie der Zins selbst.
Anders verhält es sich bei Banken im Ausland, die Sie etwa über ein Zinsportal nutzen. Diese Banken behalten in der Regel keine deutsche Abgeltungsteuer ein; Raisin führt nach den Angaben von Finanztip nur bei deutschen Partnerbanken automatisch Steuern ab. Die Zinsen bleiben dann zunächst vollständig im Konto und verzinsen sich weiter, die Steuer zahlen Sie später über die Steuererklärung. Der Vorteil beschränkt sich darauf, dass der Steuerbetrag bis zur Zahlung mitverzinst wird – die Steuer selbst bleibt dieselbe.
Inflation rechnet ebenfalls mit Zinseszins
Was für Zinsen gilt, gilt auch für Preissteigerungen: Eine Inflationsrate von 2 Prozent, das Ziel der EZB, wirkt Jahr für Jahr auf die bereits gestiegenen Preise. 10.000 Euro, die 20 Jahre lang mit 3 Prozent verzinst werden, wachsen nominal auf 18.061 Euro. In heutiger Kaufkraft entspricht das bei 2 Prozent Inflation aber nur rund 12.155 Euro, der reale Zuwachs liegt bei knapp 1 Prozent im Jahr.
Die EZB erklärt den Unterschied zwischen nominalem und realem Zins ausführlich. Für die Einordnung eines Zinseszins-Ergebnisses genügt eine Faustregel: Ein Endbetrag, der erst in 20 oder 30 Jahren erreicht wird, ist in heutigem Geld deutlich weniger wert, als die Zahl vermuten lässt.
Regelmäßig sparen: Die Sparrate zählt mehr
Viele Zinseszins-Beispiele arbeiten nicht mit einem Einmalbetrag, sondern mit einer monatlichen Sparrate. Dann wachsen zwei Dinge gleichzeitig, das eingezahlte Kapital und die Zinsen darauf. Bei Sparzinsen ist das Verhältnis der beiden eindeutig, wie ein Beispiel mit 200 Euro im Monat und einem Beispielzins von 2,5 Prozent bei monatlicher Gutschrift zeigt.
Nach zehn Jahren stehen 27.234 Euro auf dem Konto, eingezahlt haben Sie 24.000 Euro. Nach 20 Jahren sind es 62.195 Euro bei 48.000 Euro Einzahlungen, nach 30 Jahren 107.074 Euro bei 72.000 Euro. Nach zehn Jahren stammt also gut ein Zehntel des Guthabens aus Zinsen, nach drei Jahrzehnten ein Drittel – der Rest ist Ihr eigenes Geld.
Wer mit Tagesgeld, Festgeld oder einem Sparplan auf ein Ziel hinarbeitet, erreicht es deshalb vor allem über die Höhe der Sparrate und die Dauer. Der Zinseszins ist dabei ein willkommener Zuschlag, aber nicht der Motor. Rechenbeispiele, die mit 7 Prozent Rendite aus kleinen Monatsbeträgen ein Millionenvermögen machen, beziehen sich auf Aktienanlagen mit schwankenden Kursen und lassen sich auf Sparzinsen nicht übertragen.
Die 72er-Regel: Wann sich Geld verdoppelt
Für eine schnelle Abschätzung im Kopf hat sich die 72er-Regel eingebürgert: Teilen Sie 72 durch den Zinssatz in Prozent, erhalten Sie ungefähr die Zahl der Jahre, nach denen sich ein Guthaben mit Zinseszins verdoppelt.
| Zinssatz | 72er-Regel | exakter Wert |
|---|---|---|
| 1,0 % | 72,0 Jahre | 69,7 Jahre |
| 2,0 % | 36,0 Jahre | 35,0 Jahre |
| 2,5 % | 28,8 Jahre | 28,1 Jahre |
| 3,0 % | 24,0 Jahre | 23,4 Jahre |
| 4,0 % | 18,0 Jahre | 17,7 Jahre |
| 5,0 % | 14,4 Jahre | 14,2 Jahre |
Exakter Wert bei jährlicher Gutschrift und gleichbleibendem Zins, vor Steuern.
Bei den Zinssätzen, die für Tagesgeld und Festgeld realistisch sind, liegt die Regel leicht zu hoch; teilt man stattdessen 70 durch den Zins, trifft man den exakten Wert meist besser. Wichtiger als die Nachkommastelle ist die Größenordnung: Bei 2 bis 3 Prozent dauert eine Verdopplung ein Vierteljahrhundert und länger – vor Steuern und vor Inflation.
Warum der Zinseszins so oft überschätzt wird
Kaum ein Finanzthema wird so gern mit großen Worten versehen. Das berühmteste Beispiel ist der sogenannte Josephspfennig: Der britische Ökonom und Geistliche Richard Price rechnete 1772 vor, dass ein Penny, zu Christi Geburt mit 5 Prozent Zinseszins angelegt, zu seiner Zeit mehr wert gewesen wäre als 150 Millionen Erdkugeln aus massivem Gold – mit einfachen Zinsen dagegen nur einige Shilling. Die Rechnung stimmt. Sie zeigt aber vor allem, was herauskommt, wenn man einen festen Zins über mehr als 1.700 Jahre unterstellt, ohne Steuern, ohne Entnahmen und mit einer Bank, die so lange besteht.
Ähnlich steht es um das Zitat, Albert Einstein habe den Zinseszins das achte Weltwunder genannt. Einen belastbaren Beleg dafür gibt es nicht; eine maßgebliche Sammlung von Einstein-Zitaten führt den Satz unter den Aussagen, die wahrscheinlich nicht von ihm stammen, wie der Quote Investigator dokumentiert.
Der dritte Grund für das verzerrte Bild sind Beispiele aus der Aktienanlage. Bei thesaurierenden Fonds und ETFs werden Erträge wieder angelegt, und auch dort wächst das Vermögen auf der bereits erreichten Basis weiter. Der Unterschied liegt in der Sicherheit: Ein Sparzins ist vereinbart, beim Festgeld sogar für die gesamte Laufzeit fest, während eine Aktienrendite schwankt und in einzelnen Jahren negativ ausfallen kann. Wer den Zinseszins bei Tagesgeld und Festgeld beurteilen will, sollte deshalb mit Sparzinsen rechnen und nicht mit langfristigen Durchschnittsrenditen von Aktien.
Häufige Fragen
Bekomme ich beim Tagesgeld automatisch Zinseszins?
Ja, solange die Zinsen auf dem Tagesgeldkonto bleiben. Die Bank schreibt sie dort gut, und ab der nächsten Gutschriftperiode werden sie mitverzinst. Heben Sie die Zinsen regelmäßig ab, verzichten Sie auf den Effekt.
Gibt es bei einem Festgeld mit einem Jahr Laufzeit Zinseszins?
In der Regel nicht. Bei Laufzeiten bis zu einem Jahr zahlt die Bank die Zinsen meist einmal am Ende, innerhalb der Laufzeit gibt es also keine Gutschrift, die mitverzinst werden könnte. Zinseszins entsteht erst, wenn Sie Kapital und Zinsen anschließend erneut anlegen.
Was wird aus 10.000 Euro in zehn Jahren?
Das hängt vom Zins ab, den Sie über die ganze Zeit erhalten. Mit einem Beispielzins von 2,5 Prozent und jährlicher Gutschrift werden aus 10.000 Euro nach zehn Jahren 12.800,85 Euro, mit 3 Prozent 13.439,16 Euro, jeweils vor Steuern. Beim Tagesgeld sind solche Werte eine Annahme, weil sich der Zins jederzeit ändern kann. Ein mehrjähriges Festgeld mit jährlicher Gutschrift sichert ihn dagegen für die gesamte Laufzeit.
Muss ich auf Zinseszinsen Steuern zahlen?
Steuerlich sind Zinseszinsen gewöhnliche Zinsen. Sie zählen zu Ihren Kapitalerträgen und bleiben steuerfrei, solange alle Kapitalerträge eines Jahres den Sparer-Pauschbetrag nicht übersteigen. Wann sie Ihnen steuerlich zufließen, hängt beim mehrjährigen Festgeld von der Zinsgutschrift ab – jährlich oder erst am Ende der Laufzeit.
Unser Fazit
Der Zinseszins ist eine verlässliche Rechenregel, aber kein Wunder, und bei Sparzinsen arbeitet er langsam. In den ersten zehn Jahren macht er bei üblichen Zinssätzen nur einen kleinen Teil der Erträge aus, spürbar wird er erst über Jahrzehnte. Wer ihn nutzen will, muss vor allem zwei Dinge sicherstellen: dass die Zinsen im Konto bleiben und dass der Zins nicht unnötig niedrig ausfällt.
Die Häufigkeit der Zinsgutschrift wird dagegen überschätzt. Ob die Bank monatlich oder jährlich gutschreibt, macht bei 10.000 Euro über zehn Jahre einige Dutzend Euro aus; ein etwas höherer Zins bringt mehr. Genauer hinsehen sollten Sie beim mehrjährigen Festgeld. Hier halten wir Angebote mit jährlicher Gutschrift und Mitverzinsung oder mit jährlicher Auszahlung für die bessere Wahl, weil endfällige Angebote ohne Zinseszins Zinsen kosten und Ihren Sparer-Pauschbetrag in einem einzigen Jahr sprengen können.
Bevor Sie ein Angebot abschließen, lohnt deshalb ein Blick in die Konditionen: Wann schreibt die Bank die Zinsen gut, werden sie mitverzinst, und wie hoch ist der effektive Zins? Und wenn Sie mit einem Zinseszinsrechner planen, setzen Sie einen Zins ein, den Sie realistischerweise über die ganze Zeit erwarten können – nicht den Aktionszins, mit dem ein Konto heute wirbt.