Inflation und Realzins: Was von Sparzinsen an Kaufkraft übrig bleibt
Auf dem Kontoauszug sieht ein Sparguthaben fast immer gut aus: Der Betrag steigt, sobald die Bank Zinsen gutschreibt, und er sinkt nur, wenn Sie selbst Geld abheben. Was der Kontoauszug nicht zeigt, ist, wie viel Sie sich von diesem Geld kaufen können. Genau diese Frage beantwortet der Realzins – der Zins, der nach Abzug der Inflation übrig bleibt.
Im Herbst 2026 ist das keine akademische Frage. Die Verbraucherpreise in Deutschland lagen im September nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamts um 3,3 Prozent über dem Vorjahresmonat, getrieben vor allem von Energie. Ein Tagesgeld mit 2 Prozent Zinsen bringt in einem solchen Umfeld mehr Euro aufs Konto, aber weniger Kaufkraft. Wer sein Geld zu den Durchschnittskonditionen der Banken liegen lässt, verliert sogar deutlich mehr.
Ein negativer Realzins ist allerdings nicht automatisch ein Fehler. Für Geld, das jederzeit verfügbar sein muss, kann er ein vernünftiger Preis für Sicherheit sein. Problematisch wird er erst, wenn Sie nicht wissen, wie hoch er ist – oder wenn er größer ausfällt als nötig.
Kontostand und Kaufkraft: zwei verschiedene Fragen
Der Kontostand sagt Ihnen, wie viele Euro Sie besitzen. Die Kaufkraft sagt Ihnen, was diese Euro wert sind, gemessen an den Waren und Dienstleistungen, die Sie dafür bekommen. Solange die Preise stabil bleiben, fallen beide Antworten zusammen; sobald sie steigen, laufen sie auseinander.
Ein einfaches Rechenbeispiel zeigt, wie das aussieht. Angenommen, Sie legen 10.000 Euro für ein Jahr zu 2 Prozent an, und die Verbraucherpreise steigen im selben Jahr um 3 Prozent. Nach zwölf Monaten stehen 10.200 Euro auf dem Konto. Ein Warenkorb, der zu Beginn 10.000 Euro gekostet hat, kostet nun aber 10.300 Euro. In Preisen vom Jahresanfang gerechnet ist Ihr Guthaben damit nur noch rund 9.903 Euro wert. Nominal haben Sie 200 Euro verdient, real knapp 100 Euro Kaufkraft verloren.
Die Unterscheidung klingt banal, hat aber Folgen für fast jede Sparentscheidung. Eine Rücklage, die heute für drei Monatsausgaben reicht, deckt nach einigen Jahren mit steigenden Preisen womöglich nur noch zweieinhalb Monate ab, selbst wenn der Kontostand gewachsen ist. Und ein Zinsangebot, das im Vergleich gut aussieht, kann trotzdem Kaufkraft kosten, wenn die Inflation darüber liegt.
So berechnen Sie den Realzins
Der Realzins ist der um die Inflation bereinigte Nominalzins. Der Nominalzins ist der Zinssatz, den Ihnen die Bank nennt und gutschreibt; die Inflationsrate gibt an, um wie viel Prozent das allgemeine Preisniveau innerhalb eines Jahres gestiegen ist. Für den Alltag reicht meist die Faustformel, mit der auch die Europäische Zentralbank den Zusammenhang erklärt:
Realzins ≈ Nominalzins − Inflationsrate
Mit den Zahlen aus dem Beispiel oben ergibt sich: 2 Prozent minus 3 Prozent, also ein Realzins von ungefähr −1 Prozent.
Genau genommen ist diese Subtraktion eine Näherung. Die exakte Rechnung, in der Volkswirtschaftslehre nach dem Ökonomen Irving Fisher benannt, teilt den Zinsfaktor durch den Inflationsfaktor:
Realzins = (1 + Nominalzins) ÷ (1 + Inflationsrate) − 1
Für das Beispiel heißt das: 1,02 ÷ 1,03 − 1 = −0,97 Prozent. Der Unterschied zur Faustformel beträgt hier nur drei Hundertstel Prozentpunkte, und die Deutsche Bundesbank weist zu Recht darauf hin, dass die einfache Differenz bei niedrigen Zinsen und Preissteigerungen genügt. Bei hoher Inflation wächst der Abstand allerdings. 2022 lag die Inflationsrate in Deutschland im Jahresdurchschnitt bei 6,9 Prozent. Ein Sparkonto mit 1 Prozent Zinsen kam damals nach der Faustformel auf einen Realzins von −5,9 Prozent, nach der exakten Formel auf −5,5 Prozent.
Wichtiger als die Wahl der Formel ist die Frage, welche Inflationsrate Sie einsetzen. Wer den Realzins einer Geldanlage im Nachhinein ermittelt, nimmt die tatsächlich gemessene Inflation; Ökonomen sprechen dann vom Ex-post-Realzins. Wer dagegen vor dem Abschluss wissen will, was eine Festgeldanlage real bringen wird, muss die Inflation der kommenden Jahre schätzen. Diese Schätzung ist der unsichere Teil jeder Realzinsrechnung, und sie entscheidet mehr über das Ergebnis als jede Nachkommastelle beim Zins.
Warum der Kaufkraftverlust kleiner ist als die Inflationsrate
Bei 3,3 Prozent Inflation verliert unverzinstes Geld innerhalb eines Jahres nicht 3,3 Prozent seiner Kaufkraft, sondern etwas weniger, nämlich rund 3,2 Prozent. Das wirkt zunächst wie ein Rechenfehler, folgt aber aus dem Bezugspunkt. Die Inflationsrate misst, um wie viel Prozent die Preise gestiegen sind, bezogen auf die alten Preise. Der Kaufkraftverlust misst, um wie viel Prozent weniger Sie für denselben Geldbetrag bekommen, bezogen auf die Menge, die Sie vorher kaufen konnten.
Steigt ein Warenkorb von 100 Euro auf 103,30 Euro, bekommen Sie für 100 Euro nur noch 100 ÷ 103,30 = 96,8 Prozent davon. Der Kaufkraftverlust berechnet sich deshalb als 1 − 1 ÷ (1 + Inflationsrate):
| Inflationsrate | Kaufkraftverlust des Geldes in einem Jahr |
|---|---|
| 2 % | 1,96 % |
| 3 % | 2,91 % |
| 3,3 % | 3,19 % |
| 5 % | 4,76 % |
| 10 % | 9,09 % |
Bei zwei oder drei Prozent Inflation spielt die Unterscheidung kaum eine Rolle; bei hohen Raten wird sie sichtbar. Für Ihre Sparentscheidung ändert das wenig. Es erklärt aber, warum Inflationsrechner, Faustformeln und Zeitungsartikel bei scheinbar gleichen Annahmen manchmal leicht unterschiedliche Zahlen nennen.
Positiver und negativer Realzins: was beides für Ihr Guthaben bedeutet
Liegt der Zins über der Inflationsrate, ist der Realzins positiv: Ihr Guthaben wächst in Euro und in Kaufkraft. Liegt der Zins darunter, ist der Realzins negativ. Der Kontostand steigt dann zwar weiter, das Guthaben kann sich aber jedes Jahr ein Stück weniger leisten. Ein Realzins von genau null hält die Kaufkraft – nicht mehr und nicht weniger.
Für Sparer sind negative Realzinsen kein Ausnahmezustand. In den Jahren der Nullzinspolitik lagen sie bei Tagesgeld und Sparbuch fast durchgehend unter null, in den Inflationsjahren 2022 und 2023 fielen sie tief ins Minus. Auch im Herbst 2026 sieht die Bilanz für die Masse der Sparer schlecht aus. Laut MFI-Zinsstatistik der EZB erhielten private Haushalte im Euroraum im August 2026 auf täglich fällige Einlagen im Durchschnitt 0,29 Prozent Zinsen, auf neu angelegte Einlagen mit bis zu einem Jahr Laufzeit 2,13 Prozent. Die Inflationsrate in Deutschland lag im selben Monat bei 2,9 Prozent. Rechnet man beides gegeneinander, kommt ein durchschnittlich verzinstes Tagesgeld auf einen Realzins von rund −2,5 Prozent, kurzfristiges Festgeld immerhin noch auf etwa −0,7 Prozent.
In diesen Durchschnittswerten stecken allerdings auch die vielen Konten, auf denen Geld seit Jahren zu Minimalzinsen liegt. Wie weit die Konditionen einzelner Banken davon entfernt sind, zeigen unsere Vergleiche. Für die Einordnung genügt eine Feststellung: Beim Tagesgeld ist der Abstand zwischen einem durchschnittlich verzinsten Konto und einem guten Angebot derzeit größer als der Abstand zwischen einem guten Angebot und der Inflationsrate. Wer den Realzins seiner Ersparnisse verbessern will, sollte deshalb zuerst prüfen, was das eigene Konto überhaupt bringt, bevor er über eine ganz andere Anlageform nachdenkt.
Rechenbeispiel: 10.000 Euro über zehn Jahre
Über ein einzelnes Jahr wirken die Unterschiede klein, über zehn Jahre werden sie deutlich. Die folgende Tabelle zeigt, was aus 10.000 Euro wird, wenn Zins und Inflation über die gesamte Zeit konstant bleiben und die Zinsen jährlich gutgeschrieben und mitverzinst werden. Es handelt sich um ein Rechenbeispiel vor Steuern; in den Spalten zur Kaufkraft ist das Endguthaben in die Preise von heute zurückgerechnet.
| Zins pro Jahr | Kontostand nach 10 Jahren | Kaufkraft bei 2 % Inflation | Kaufkraft bei 3 % Inflation |
|---|---|---|---|
| 0 % | 10.000 € | 8.203 € | 7.441 € |
| 1 % | 11.046 € | 9.062 € | 8.219 € |
| 2 % | 12.190 € | 10.000 € | 9.070 € |
| 2,5 % | 12.801 € | 10.501 € | 9.525 € |
| 3 % | 13.439 € | 11.025 € | 10.000 € |
| 4 % | 14.802 € | 12.143 € | 11.014 € |
Die erste Zeile ist die unbequemste. Geld ohne Zinsen, ob als Bargeld oder auf dem Girokonto, verliert schon bei moderater Inflation viel: Bei 2 Prozent fehlen nach zehn Jahren fast 1.800 Euro Kaufkraft, bei 3 Prozent mehr als 2.500 Euro. Ein Zins in Höhe der Inflationsrate dagegen hält die Kaufkraft exakt, ohne sie zu vermehren. Der Kontostand wächst in zehn Jahren um ein Fünftel oder ein Drittel, und trotzdem können Sie sich am Ende genau so viel leisten wie am Anfang. Erst was über der Inflationsrate liegt, ist echter Ertrag.
Dass solche Größenordnungen nicht theoretisch sind, zeigen die vergangenen Jahre. Nach den Jahresdurchschnitten des Statistischen Bundesamts stiegen die Verbraucherpreise 2021 um 3,1 Prozent, 2022 um 6,9 Prozent, 2023 um 5,9 Prozent und 2024 wie 2025 um jeweils 2,2 Prozent. Zusammengenommen lag das Preisniveau 2025 damit knapp 22 Prozent über dem von 2020. 10.000 Euro, die seit 2020 unverzinst auf einem Konto lagen, hatten 2025 nur noch eine Kaufkraft von rund 8.200 Euro. Fünf Jahre haben also genügt, um so viel Kaufkraft zu kosten wie in unserer Tabelle zehn Jahre mit 2 Prozent Inflation.
Für Ihren eigenen Betrag, Zeitraum und Ihre eigenen Annahmen übernimmt unser Inflationsrechner die Rechnung.
Steuern: Auch der Inflationsausgleich wird besteuert
Die bisherigen Beispiele rechnen vor Steuern. Für viele Sparer ist das realistisch, denn Kapitalerträge bleiben bis zum Sparer-Pauschbetrag von 1.000 Euro im Jahr steuerfrei, bei zusammen veranlagten Ehepaaren bis 2.000 Euro – vorausgesetzt, der Bank liegt ein Freistellungsauftrag vor. Was darüber hinausgeht, unterliegt der Abgeltungsteuer von 25 Prozent. Mit dem Solidaritätszuschlag von 5,5 Prozent auf die Steuer sind es 26,375 Prozent, bei Kirchensteuerpflicht etwas mehr.
Für den Realzins hat das eine unangenehme Konsequenz: Besteuert werden die nominalen Zinsen, also auch der Teil, der lediglich die Inflation ausgleicht. Ob Sie real etwas gewonnen haben, spielt für das Finanzamt keine Rolle. Ein Zins, der vor Steuern genau die Inflation abdeckt, führt nach Steuern deshalb zu einem realen Verlust.
Ein Beispiel: Eine alleinstehende Sparerin hat 60.000 Euro zu 3 Prozent angelegt und ihren gesamten Freistellungsauftrag für dieses Konto erteilt. Sie erhält 1.800 Euro Zinsen. 1.000 Euro davon bleiben steuerfrei, auf die übrigen 800 Euro fallen 211 Euro Abgeltungsteuer und Solidaritätszuschlag an. Netto bleiben 1.589 Euro, das entspricht 2,65 Prozent. Bei 3 Prozent Inflation ergibt sich daraus ein Realzins von −0,34 Prozent, obwohl der Zinssatz vor Steuern exakt der Inflationsrate entspricht.
Oberhalb des Freibetrags lässt sich die Schwelle leicht bestimmen, ab der ein Zins die Inflation nach Steuern ausgleicht: Teilen Sie die Inflationsrate durch 0,73625, also durch eins minus Steuersatz. Bei 2 Prozent Inflation braucht jeder steuerpflichtige Euro einen Zins von rund 2,7 Prozent, damit real nichts verloren geht; bei 3 Prozent Inflation sind es rund 4,1 Prozent. Solche Zinsen sind bei sicheren Einlagen selten. Für größere Guthaben folgt daraus, dass der Sparer-Pauschbetrag für den Realzins wichtiger ist, als seine Höhe vermuten lässt. Wie Sie Freibetrag und Freistellungsaufträge auf mehrere Banken verteilen, behandeln wir in einem eigenen Ratgeber.
Welche Inflationsrate in Ihre Rechnung gehört
In Deutschland gibt es zwei amtliche Inflationsraten. Der Verbraucherpreisindex (VPI) ist die nationale Messgröße, auf die sich Nachrichten in der Regel beziehen. Der Harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) ist europaweit vergleichbar, und an ihm misst die EZB ihr Ziel. Beide beruhen auf denselben Preisdaten, unterscheiden sich laut Destatis aber in Erfassungsbereich, Methodik und Gewichtung. Meist liegen sie nah beieinander, im September 2026 nach vorläufigen Zahlen sogar gleichauf bei 3,3 Prozent. Für Sparer in Deutschland ist der VPI die naheliegende Wahl.
Allerdings bildet der VPI die Preisentwicklung eines Durchschnittshaushalts ab, und Ihr Haushalt ist vermutlich keiner. Im September 2026 lagen die Energiepreise 14,9 Prozent über dem Vorjahresmonat, Nahrungsmittel dagegen nur 0,4 Prozent. Wer viel Auto fährt oder mit Öl heizt, erlebt derzeit eine deutlich höhere Teuerung als die offizielle Rate; wer wenig Energie verbraucht, eine niedrigere. Mit dem persönlichen Inflationsrechner des Statistischen Bundesamts können Sie die Gewichte an Ihr eigenes Ausgabeverhalten anpassen. Wenn Sie wissen wollen, wie lange Ihre Rücklage künftig reicht, ist diese persönliche Rate aussagekräftiger als der Durchschnitt.
Für Rechnungen in die Zukunft gibt es keine richtige Zahl, nur plausible Annahmen. Einen Anker liefert das Inflationsziel der EZB von 2 Prozent auf mittlere Sicht. Wie weit die Wirklichkeit davon abweichen kann, haben die Jahre seit 2021 gezeigt, und auch die aktuellen Projektionen liegen darüber: Im September 2026 erwarteten die Fachleute der EZB für den Euroraum eine Inflation von 3,0 Prozent für 2026, 2,5 Prozent für 2027 und 2,1 Prozent für 2028 (Geldpolitische Beschlüsse vom 10. September 2026). Wir halten es deshalb für sinnvoll, jede längerfristige Sparrechnung mit mindestens zwei Annahmen durchzuspielen, etwa mit 2 und mit 3 Prozent. Geht Ihr Plan nur im günstigeren Fall auf, ist er zu knapp kalkuliert.
Tagesgeld, Festgeld und Inflation: Wer trägt welches Risiko?
Festgeld garantiert einen Nominalzins, keinen Realzins. Diese Unterscheidung geht leicht unter, weil ein fester Zins so beruhigend wirkt. Ob sich eine Festgeldanlage real lohnt, entscheidet sich aber erst während der Laufzeit, und zwar an einer Größe, die beim Abschluss niemand kennt.
Ein Rechenbeispiel: Sie legen 10.000 Euro für drei Jahre zu 2,5 Prozent an, die Zinsen werden mitverzinst. Am Ende stehen 10.769 Euro auf dem Konto. Liegt die Inflation in allen drei Jahren bei 2 Prozent, entspricht das Endguthaben einer heutigen Kaufkraft von rund 10.148 Euro, ein realer Gewinn von knapp 1,5 Prozent über die gesamte Laufzeit. Steigt die Inflation dagegen auf 2, 3,5 und 3 Prozent, bleibt eine Kaufkraft von rund 9.904 Euro. Derselbe Vertrag und dieselbe Zinsgutschrift führen dann zu einem realen Verlust.
Umgekehrt gilt dasselbe: Sinkt die Inflation während der Laufzeit, ist ein fester Zins mehr wert als erwartet. Mit jedem Festgeld gehen Sie deshalb eine Wette auf den Inflationsverlauf ein, ob Sie das wollen oder nicht.
Tagesgeld verhält sich anders. Sein Zins ist variabel, und Banken passen ihn an die Leitzinsen der EZB an, meist mit Verzögerung und selten in vollem Umfang. Die EZB wiederum reagiert auf die Inflation: Im Juni 2026 und erneut im September hat sie die Leitzinsen angehoben, zuletzt den Einlagesatz auf 2,50 Prozent. Tagesgeld bietet damit einen gewissen, wenn auch unvollkommenen Schutz gegen steigende Inflation. Verlassen sollten Sie sich darauf nicht. Ob und wann eine Bank eine Leitzinserhöhung weitergibt, entscheidet sie selbst, und gerade bei Bestandskunden lassen sich viele Institute Zeit.
Daraus ergibt sich ein klares Muster. Wer in einer Phase steigender oder unsicherer Inflation einen großen Betrag für viele Jahre festlegt, geht ein Risiko ein, das in keinem Zinsvergleich sichtbar wird. In einem solchen Umfeld würden wir Laufzeiten eher staffeln, statt einen großen Betrag über fünf oder zehn Jahre zu binden. Wer dagegen erwartet, dass die Inflation wieder in Richtung 2 Prozent sinkt, kann sich mit einem heute festgeschriebenen Zins einen realen Vorteil sichern – vorausgesetzt, die Erwartung trifft ein.
Wo Sparzinsen an ihre Grenzen stoßen
Bei aller Rechnerei sollte man nicht vergessen, wofür Tagesgeld und Festgeld da sind. Ihr Guthaben schwankt nicht, die gesetzliche Einlagensicherung schützt es, und beim Tagesgeld bleibt es jederzeit verfügbar. Für eine Notreserve und für Geld, das Sie in den nächsten Jahren für eine größere Ausgabe eingeplant haben, sind genau das die entscheidenden Eigenschaften. Ein Realzins knapp unter null ist hier ein vertretbarer Preis, denn die Alternative wäre in der Regel kein höherer sicherer Ertrag, sondern ein Risiko, das zu diesem Geld nicht passt.
Anders sieht es bei Vermögen aus, das Sie erst in fünfzehn oder zwanzig Jahren brauchen. Sichere Einlagen haben die Inflation über längere Zeiträume oft nur knapp ausgeglichen, in manchen Phasen nicht einmal das, und nach Steuern fällt die Bilanz noch schwächer aus. Wer langfristig Kaufkraft aufbauen will, kommt um Anlagen mit höheren Ertragschancen und entsprechenden Schwankungen kaum herum. Das ist nicht das Thema dieses Portals, gehört aber zu einer ehrlichen Einordnung: Ein Sparkonto erhält Kaufkraft bestenfalls, nennenswert vermehren wird es sie selten.
Eine praktische Konsequenz betrifft jede Rücklage. Steigen die Lebenshaltungskosten, schrumpft eine Notreserve, auch wenn ihr Kontostand gleich bleibt. Eine Reserve, die 2020 auf drei Monatsausgaben bemessen war, reicht nach dem Preisanstieg der vergangenen Jahre nur noch für knapp zweieinhalb Monate, sofern Ihre Ausgaben im Gleichschritt mit der allgemeinen Inflation gestiegen sind. Prüfen Sie die Höhe deshalb regelmäßig an Ihren aktuellen Ausgaben und nicht am ursprünglich festgelegten Betrag.
Häufige Fragen
Wie viel Zinsen brauche ich, um die Inflation auszugleichen?
Solange Ihre Zinsen innerhalb des Sparer-Pauschbetrags bleiben, genügt ein Zins in Höhe der Inflationsrate. Fallen Steuern an, muss er höher liegen: Teilen Sie die Inflationsrate durch 0,73625. Bei 2 Prozent Inflation sind das rund 2,7 Prozent, bei 3 Prozent rund 4,1 Prozent, jeweils ohne Kirchensteuer.
Wie viel sind 1.000 Euro in zehn Jahren noch wert?
Das hängt von der Inflation ab. Bei durchschnittlich 2 Prozent im Jahr entsprechen 1.000 Euro nach zehn Jahren einer heutigen Kaufkraft von rund 820 Euro, bei 3 Prozent von rund 744 Euro – vorausgesetzt, das Geld bringt keine Zinsen. Liegt es auf einem Konto, dessen Zins der Inflation entspricht, behält es die Kaufkraft von 1.000 Euro.
Ist ein negativer Realzins ein Verlust?
Nominal nicht, denn Ihr Kontostand sinkt ja nicht. Real schon: Sie können sich mit dem Guthaben am Ende weniger leisten als am Anfang. Ob das ein Fehler ist, hängt von der Alternative ab. Gegenüber einem unverzinsten Girokonto ist auch ein leicht negativer Realzins ein Gewinn, und für Geld, das jederzeit verfügbar sein muss, gibt es kaum sichere Alternativen, die verlässlich mehr bringen.
Was ist der Unterschied zwischen Inflation und Geldentwertung?
Beide Begriffe beschreiben denselben Vorgang von zwei Seiten. Inflation meint den Anstieg des allgemeinen Preisniveaus, Geldentwertung den damit verbundenen Verlust an Kaufkraft: Für denselben Euro bekommen Sie weniger als vorher. Im Alltag werden beide Wörter meist gleichbedeutend verwendet.
Unser Fazit
Der Zinssatz auf dem Kontoauszug sagt wenig darüber, ob Ihr Erspartes an Wert gewinnt. Entscheidend ist der Realzins, und der fällt für viele Sparer im Herbst 2026 negativ aus – bei Durchschnittskonditionen deutlich, bei guten Angeboten nur leicht. Rechnen Sie ihn für Ihr eigenes Guthaben nach, und zwar nach Steuern, sobald Ihre Zinsen den Sparer-Pauschbetrag übersteigen.
Den größten Hebel haben Sie dort, wo Ihr Geld zu Minimalzinsen liegt. Der Wechsel von einem durchschnittlich verzinsten Konto zu einem guten Tagesgeld- oder Festgeldangebot verbessert den Realzins oft um zwei Prozentpunkte und mehr, ohne dass sich am Risiko etwas ändert. Bei Festgeld sollten Sie bedenken, dass Sie mit der Laufzeit auch eine Annahme über die künftige Inflation festschreiben; in unsicheren Phasen spricht das für kürzere oder gestaffelte Laufzeiten. Für Geld, das Sie jahrzehntelang nicht brauchen, sind Sparzinsen dagegen das falsche Werkzeug, wenn das Ziel ein echter Vermögenszuwachs ist.
Ein leicht negativer Realzins auf die Notreserve ist kein Grund zur Sorge. Er ist der Preis dafür, dass dieses Geld sicher und verfügbar bleibt – und diesen Preis sollten Sie bewusst zahlen, nicht aus Versehen.